Atalante

 - by silke

Sein Blick lässt sie nicht aus den Augen, wie sie dasteht, konzentriert, zum Sprung bereit. Schon erreichen die ersten Läufer den Pfahl, der den Vorsprung markiert. Und wie ein Pfeil, der von der Sehne des Bogens nach vorne schnellt, fliegt sie davon. Atalante, die kühne, deren Schönheit die Freier umschwärmen, wie die Bienen den Honigtopf. Atalante, die spröde, die auch tüchtige Helden als Bewerber um den Platz als Ehemann an ihrer Seite abweist und damit ihren Vater enttäuscht.

Wie ihre Haare im Wind fliegen, ihre Füsse in hartem Stakkato den Takt bestimmen, vorantreiben und doch kaum den Boden berühren. Ihre Beine, stark und geschmeidig, fliegen nach vorne, bringen sie näher und näher an den lästigen Schwarm zudringlicher Bewerber heran. Den ersten: überholt, den zweiten: überholt ,  den dritten und noch einen und noch einen. Er hört ein Lachen, glockenhell und nicht im Geringsten ausser Atem. Gebannt folgen seine Blicke dieser Amazone, die die Männerwelt fordert, sie einen Vorsprung gewährend spöttisch verhöhnt und jetzt, jeden einzelnen der Freier, weit hinter sich lassend, zum Tode verurteilt.

Mit einem Ruck steht er auf, Hippomenes, der Sohn des Megareus und eilt, aufgewühlt in seinem Herzen, zum drei ellen langen Pfahl, der das Ende des Laufes und des Lebens der Bewerber markiert. Noch nicht dort angekommen, bricht es aus ihm heraus: „Atalante, suchst du den Ruhm, indem du dich mit Unwürdigen misst? Lauf mit mir um den Tod oder das Leben an meiner Seite. Und wenn mir das Schicksal den Sieg verleiht, wisse, dass du keinem Geringeren als einem Urenkel Poseidons die Hand reichen wirst.“

Atalante wendet sich um, blickt dem kühn Redenden sanft in das schöne Antlitz und antwortet nach Augenblicken, die ihr wie halbe Leben erscheinen, in denen sie sich in den Tiefen dieser seelenvollen Augen verliert : „Bitte mich nicht darum, schöner Jüngling. So edel und hochherzig wie du scheinst, wird sich jedes Mädchen glücklich schätzen, dich ihren Gatten zu nennen. Verschonen kann ich dich nicht, wenn im Wettkampf ich dich überrunde, denn die Schande, besiegt zu werden, ist mir unerträglich.“ Und ihr Herz schlägt schneller, nicht mehr vom Lauf beschleunigt, sondern von einer unbesiegbaren Sehnsucht getrieben.

Und ehe sie es sich versieht, steht sie wieder am Start, die Trompete ertönt und schon läuft Hippomenes davon. Keine Chance soll er haben. Sie ist ihm dicht auf den Fersen, ein wenig verwirrt, wie es dazu kommen konnte, läuft sie mit voller Kraft, den Gegner unablässig im Visier. Was blitzt an Hippomenes Seite in der Sonne, fällt auf den Boden, liegt vor ihr im Staub? Von alleine werden ihr Beine langsamer, ihre Hand greift noch im Lauf den goldenen Apfel, den sie staunend betrachtet und gleichzeitig ihre Beine zwingt zu beschleunigen. Hippomenes vom Jubel der Menge ermuntert, ist ein weites Stück voraus und wird doch von einer entschlossenen Atalante, deren Mantra „Fliehe den Gatten“ ihr schier Flügel verleiht, eingeholt. Ein zweites und noch ein drittes Mal lässt Hippomenes, den Sieg erzwingend, einen goldenen Apfel, den er von Aphrodite, der Göttin der Liebe, heimlich erbeten hat, in den Staub rollen. Und während Atalante auch beim dritten Mal der Verlockung nicht widerstehen kann, ihren Lauf entschleunigt und die golden schimmernde Frucht vom Boden hebt, erreicht Hippomenes den drei ellen langen Pfahl, unter dem Jauchzen der Menge, und besiegelt sein Leben und das Atalantes als Gattin an seiner Seite.

Und die Zuschauer dieses denkwürdigen Laufes erzählen ihren Kindern und Kindeskindern nicht nur, wie Atalante gar nicht mehr so unwillig mit Hippomenes in ein neues Leben davon ging, sondern auch von ihren früheren Abenteuern.

Gesäugt von einer Bärenmutter lebte sie im Wald, nachdem sie von ihrem Vater, der einen Sohn erwartete, ausgesetzt wurde. Als Kind von Jägern aus den Wäldern gerettet und in die Lehre zu rauen, männlichen Tätigkeiten genommen, wuchs sie in den Bergwäldern Arkadiens nicht nur zu einer in Schönheit strahlenden Jungfrau heran, sondern eignete sich auch die Schnelligkeit eines Rehs und die Schlauheit eines Wolfes an. Die Jagd auf Hirsche zu Fuss mit dem Speer in der Hand war ihre grösste Lust. Zwei Zentauren, die sie heimlich bei der Jagd beobachteten und in Besitz nehmen wollten, soll sie mit Pfeilen niedergestreckt haben. Bei der Jagd auf den Kalydonischen Eber führte sie den ersten Stoss und in berühmten Kampfspielen rang sie mit dem gewaltigen Peleus, dem Sohn des Äakos und soll sogar den Sieg davon getragen haben.

Bildquelle
Reni, Guido: Atalante und Hippomenes. Galleria Nazionale di Capodimonte. Über commons.wikimedia.org.

Textquellen
Schwab: Atalante, Vollmers Mythologie aller Völker: Atalante